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Die gute, alte Zukunft …

2021-04-28 von Johannes Humbert (LinkedIn | Twitter)

Mit Prognosen für und Aussagen über die Zukunft ist das so eine Sache … Spannend, interessant und auch manchmal erheiternd. Der Theorie und dem Modell von Nikolai Kondratiew zufolge stehen uns wirtschaftlich und gesellschaftlich betrachtet harte Jahre und Jahrzehnte bevor. Da gehen wir nicht so ganz mit. Dennoch lohnt sich ein kurzer Blick drauf. Vielleicht hat der Mann doch Recht?

Nikolai Kondratjew ist den meisten Menschen wohl eher nicht bekannt. In Kreisen von Wirtschaftstheoretikern, Zukunftsforschern aber sehr wohl. Mitte der 1920er Jahre veröffentlichte der sowjetische Wirtschaftswissenschaftler seine Thesen über die Zyklen der Wirtschaft – im Kontext und Zusammenspiel von technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Zugegeben, das ist noch heute umstritten, es gibt Befürworter und Gegner seiner Modelle. Joseph Schumpeter beispielsweise, einer der herausragenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts, hatte sich auch intensiv damit beschäftigt und den Begriff „Kondratjew-Zyklen“ geprägt.

Kurz gesagt: die langen Wellen

Kondratjew-Zyklen, das sind „lange Wellen“. Und bevor wir hier viele Worte verlieren, hier lieber ein Bild, dass das schnell auf den Punkt bringt:

Kondratjew-Zyklen

Schaut man sich das an, sieht man beispielsweise darin gut die Weltwirtschaftskrise von 1929 an verortet oder vorhergesagt, ebenso die Entwicklung hinsichtlich Informationstechnologie. Diese ist natürlich nicht exakt vorhergesagt worden, also dass es eben IT ist, aber deren Auswirkungen, die zu beobachten sind.

Steile These: ein Wechsel in Frequenz und Amplitude wird kommen …

Mit IT und Informatik könnte sich das Kondratjew-Modell ändern. Denn hier geschehen Entwicklungen plötzlich deutlich schneller, die Ergebnisse haben immer größeren Impact. Der Evolutionsprozess wird immer kürzer und die Auswirkungen auf Gesellschaft und weitere Innovationen immer stärker. Nur als Beispiel:

Vor dreißig Jahren gab es noch keine Mobiltelefone. Etwa 15 Jahre später revolutionierte das erste iPhone die Welt in bisher nicht bekannter Dimension. Und heute? Marc Benioff, Gründer und CEO von Salesforce, zückte bei einer Veranstaltung vor vier oder fünf Jahren mal sein Smartphone aus seiner Hosentasche und sagte: „Mein gesamtes Unternehmen habe ich immer bei mir – hier drauf.“ Noch vor zehn Jahren hätte ihm das niemand geglaubt. Entwicklungs- und Innovationsphasen werden einfach immer kürzer. Auch eben in Sachen künstlicher Intelligenz.

Künstliche Intelligenz: älter als man meinen mag

Als früheste Quelle für die Erwähnung des Begriffs „Künstliche Intelligenz“ wird gerne auf Julien Offray de La Mettrie und sein 1748 erschienenes Werk „L’Homme Machine“ verwiesen. Doch die Idee, die Theorie dazu ist sogar noch älter und reicht bis in die Antike. Hier nur drei Stichwörter: Homunculus, Golem, Frankenstein. Populär betrachtet ist C-3PO aus Star Wars wohl das bekannteste Beispiel, kennt fast jeder. Dann gibt es da noch Alan Turing und seinen Aufsatz „Computing machinery and intelligence“ sowie den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper, der sich unter anderem auch mit eben den Thesen von Alan Turing auseinandersetzte. Alles nur Belletristik, Philosophie, Theorie und Glauben und Zukunftsgedöns? Nun, für viele Menschen sind Siri oder Alexa mittlerweile fast feste Freundinnen …

Alan Turing

Etablierter als man glauben mag: künstliche Intelligenz

Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz ist rasant, seit Jahren schon, und nimmt weiterhin Fahrt auf. Und KI hat längst Einzug in unseren Alltag genommen. Viele Menschen haben damit schon Berührung gehabt – oftmals ohne es zu wissen. Und was in 15, zehn oder schon fünf Jahren zu erwarten ist, da wagen wir es erst recht nicht, uns aus dem Fenster zu lehnen. Eines ist aber wohl sicher, und da schließt sich der Kreis wieder zu Kondratjew, der Abklang der letzten Welle wird nicht so dramatisch sein, wie es in vorherigen Zyklen der Fall war. Das liegt wohl daran, dass Innovationen heute nicht das Resultat einer Talsohle mit daher gehender Depression ist, sondern konstant stattfinden, auch in Zeiten von Wohlstand. In immer kürzeren Abständen.

Wahnvorstellung oder Realität?

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Zukunftsforscher auf sehr dünnem Eis unterwegs sind. Schon immer. In der Geschichte gibt es eine Reihe heute amüsant erscheinende Prognosen. Darunter sind aber auch einige, die ziemlich genau eintrafen. Hier ist eine illustre Zusammenstellung, wie man sich in 1910 die Zukunft vorstellte. Ein paar Beispiele:

Zukunftszeichnung 1

Zukunftszeichnung 2

Zukunftszeichnung 3

Zukunftszeichnung 4

Zukunftszeichnung 5

Zukunftszeichnung 6

Zukunftszeichnung 7

Zukunftszeichnung 8

Das war 1900. Jetzt kann man meinen, dass heute kaum noch jemand auf solche Zukunftsvorstellungen kommt. Ist aber so, gar nicht so lange her, da prognostizierte das renommierte Zukunftsinstitut in Deutschland, dass Nanotechnologie ein treibender Mega-Trend der nächsten Jahrzehnte wird. Seitdem hat sich da aber kaum etwas getan. In Sachen KI aber schon. Sprach- und Texterkennung beispielsweise, wenn das auch etwas anders aussieht wie oben dargestellt. Es ist einfach dünnes Eis. Doch wir wagen den Schritt:

Unser Fazit, unsere Meinung

Künstliche Intelligenz ist mehr als nur ein Hype. (Populäre und aufmerksamkeitsstarke Demos wie Roboter, die Saltos machen, haben damit nichts zu tun.) KI/AI schreitet voran, in sehr großen Schritten und wird die Gesellschaft und damit verbunden die Wirtschaft maßgeblich beeinflussen – hoffentlich rein im positiven Sinne. Die Einsatzgebiete werden vielfältiger, die Möglichkeiten größer. Und mit jedem Schritt eröffnen sich weitere Dimensionen (leider auch in negativer Hinsicht wie Rüstungsindustrie und Kriegsführung). Das bringt uns dazu, zu sagen, dass die prognostizierte bevorstehende Talsohle des 5. Kondratjew-Zyklus’ wohl aufgeschoben wird. Wenn man Kondratiew und Schumpeter folgt und dieser Theorie glaubt, dass das eintreffen wird.

Vielleicht nimmt sich ein Wirtschaftstheoretiker mal wieder Kondratjew und die langen Wellen vor und schaut, inwiefern sich Frequenz und Amplitude in Zukunft entwickeln könnten. Wir würden es begrüßen.